Göttelfingen - St. Nikolaus, Instrumente

St. Nikolaus Göttelfingen

Disposition

MANUAL I
SALICIONAL* 8’
GEDECKT* 8’
PRINCIPAL 4’
ROHRFLÖTE* 4’
SESQUIALTER* 2 2/3’
„QUINTE“** 2 2/3’
OCTAVE* 2’
MIXTUR III 1 1/3’
OCTÄVLEIN 1’
MANUAL II
SALICIONAL 8’
GEDECKT 8’
ROHRFLÖTE 4’
SESQUIALTER 2 2/3’
OCTAVE 2’
PEDAL
SUBBASS 16’
GEDECKTBASS*** 8’
* WECHSELSCHLEIFE
** VORAUSZUG
*** EXTENSION SUBBASS
KOPPELN
II-I I-P I-P
TONUMFANG
C – F³ C – D¹
STIMMUNG
BILLETER A° 440 HZ / 15° C
WINDDRUCK
67 MM WS
SACHBERATUNG
WALTER HIRT

Die charmante Göttelfingerin

Als junger Orgelbauer träumte ich von einer kleinen Barockorgel, die ich als Meisterstück bauen würde. Für mich war eine Barockorgel wie eine schöne junge Frau, wohlgeformt und elegant, mit feinen Zügen und klarer Stimme. Barockorgeln wurden damals im Orgelbau vor allem als ein zwar verehrungswürdiger, aber veralteter Instrumententypus berühmter Vorfahren meines Faches wahrgenommen. Sie galten als stilistisch überkommen und wurden bestenfalls ordentlich restauriert, damit orgelspielende Organologen darauf authentische Einspielungen machen konnten. Der Bau einer reinen Barockorgel galt als nicht erstrebenswert und wenn es doch einmal geschah, dann im Geist des damaligen Orgelwesens, welches sich neu erfinden wollte, nach Modernem strebte und doch nicht so recht wusste wohin die Reise gehen sollte. Man beschränkte sich zumeist darauf, das gute Alte mit dem schönen Neuen zu verbinden und alles irgendwie in Balance zu halten. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Oder doch? Ich sage ja!

Orgelbauer sind durchaus lernfähig und haben inzwischen begriffen, dass es bei einer Orgel vor allem anderen um das Musikalische geht. Darum, was Orgelklang ist und wie er entsteht. Es ist der Klang der wieder glänzt und atmet wie vor langer Zeit, der lebt, berührt und inspiriert,

der nun bei unserem ersten Opus in der Diözese Rottenburg meinen Traum von damals Realität werden ließ.

Bilder aus der Kindheit
Im Juni 2006 erreichte uns eine Ausschreibung aus Göttelfingen. Auf die Frage wo das liegt, sagte man mir damals: Im Gäu, zwischen Nagold und Horb am Neckar. Wie ich inzwischen weiß, deutet die Ortsnamensendung „ingen“ auf ein schwäbisches Urdorf hin und Gäu steht für „fruchtbares Ackerland“. Mein ganz persönliches Bild der Landschaft um Göttelfingen entstand vor vier, fünf Jahren an einem Sonntagnachmittag im Frühsommer. Der Nachbarflecken Rohrdorf hatte uns damals den vorläufigen Zuschlag für eine kleine zweimanualige Orgel erteilt und ich versprach, im Gemeindehaus bei Kaffee und Kuchen das ambitionierte Projekt zu erläutern. Durch ein Missverständnis war ich viel zu früh angereist und nutzte die Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang durch die Umgebung. Im Schatten von Obstbäumen, inmitten blühender Kräuterwiesen und entlang einem alten Bahndamm, sah ich plötzlich Bilder aus meiner Kindheit in einem bäuerlichen Schwarzwalddorf vor mir auftauchen. Die angenehme Erinnerung an diesen Tag hat meine Stimmung und Sympathie für den Landstrich dort geprägt. Ich bin sicher, man kann es der neu geschaffenen, „charmanten Göttelfingerin“ ansehen und anhören.

Vollgefüllt mit Orgelpfeifen
Wer die frühere Orgel der Göttelfinger Nikolauskirche noch vor Augen hat, wird gerne bestätigen, dass nun eine ganz andere, neue Ästhetik in klassischer Machart die äußere Erscheinung bestimmt. Unsere Vorgänger (Reiser 1922) hatten, wie es seinerzeit systembedingt notwendig war, das originale Barockgehäuse entfernt und für ihre „romantische“ Klangidee lediglich die Prospektfassade übernommen und etwas zurecht gestutzt. Erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass sich dahinter ein plumper Gehäusekasten mit rucksackartig überbautem Durchgang verbarg. Alles war vollgefüllt mit Orgelpfeifen, deren längste bis in den Dachboden ragten oder, trotz waghalsiger Kröpfungen, einfach hinter dem Schnitzwerk hervor lugten. Obwohl das Ganze einen durchaus bemerkenswerten „Sound“ entwickeln konnte, krankte die Gesamtkonstruktion an einer bereits in ihrer Entstehungszeit überkommenen Technik, aber auch an einem „Zuvielwollen“, was zu anhaltenden Störungen führte und schließlich dem alten Instrument das Leben verkürzte.

Keine Orgelfolklore
Als Grundlage für die Entwicklung überzeugender Konzepte im Orgelbau dienen in aller Regel vorhandene und erdachte Parameter, deren gemeinsame Logik einen wesentlichen Einfluss auf die Gültigkeit des späteren Ergebnisses ausübt. In Göttelfingen war von vorneherein klar, dass die Orgel ihr genuines Gesicht zurück erhalten musste, mit einem dazu passenden Klangideal.

Der bis heute fehlende Nachweis des ursprünglichen Erbauers verschonte die Organisten vor einer rekonstruierten Einmanualigkeit und ließ uns Orgelbauern in vielen Details freie Hand. Einem fiktiven Vorbild nachzueifern kam für uns nicht infrage, und ein wenig Orgelfolklore zu produzieren erst recht nicht.

Wir konnten nach unsern Vorstellungen planen und arbeiten, auch wenn wir den vereinbarten Kostenrahmen nicht aus den Augen verlieren durften.
Aus den Maß- und Proportionsvorgaben des historischen Prospektfragments ist eine zweimanualige Dorforgel im besten Sinne entstanden. Die klassisch fünfteilige, für schwäbisch-ländliche Verhältnisse beinahe opulent verzierte Gehäusefassade (Die Gehäuse-Ornamente deuten auf die Weinmar-Orgel von Hildrizhausen,1781), wurde in allen verwertbaren Teilen übernommen und nach den Regeln der Kunst restauriert. Das Manualgehäuse mit eingezogenem Sockel und eingebauter Spieltafel haben wir in Form und Ausführung nach eigener Fantasie, stilvoll und frei von Kitsch ergänzt. Das ornamentale Blattgold wurde aufgefrischt. Dazu passt perfekt die farbliche Fassung in den Haupttönen Lichtgrau, Ocker und Umbra auf weißem Grund mit schwarzen Konturen. Restauratorin Bärbel Haußmann hat hier in authentischer Manier mit Gespür und Leichtigkeit eine wahrhaft noble Kreation geschaffen. Jetzt zeigt sich das neue Instrument als wertvoller Bestandteil des Raumes und vollendet das weithin einmalige Ausstattungs-Ensembel barocker Kirchenkunst.

Spielfreude wecken
Von der Spitze der anspruchsvollen Organistenwelt bis zum einfachen Kirchenliedbegleiter werden heute in bestimmten Bereichen spezifische Leistungsmerkmale erwartet. Ganz vorn rangiert die mechanische Spieltraktur, deren subtile Qualität gerade bei kleineren Instrumenten von einiger Bedeutung ist. Für ein Höchstmaß an musikalischer Fingerfertigkeit und Ausdruckskraft, werden deshalb hohe Maßstäbe mit oft recht unterschiedlichen Bewertungskriterien angelegt. Natürlich sollen Spieltrakturen leichtgängig sein (…“aber bitte nicht zu leicht“), „griffig“ die Artikulation fördern, sollen Spielfreude wecken, sensibel „in der Hand bleiben“ und dabei gutmütig auf fehlerhaftes Spiel reagieren…. Schön, dass es wenigstens im Pedal auf ein paar Gramm Tastendruck mehr oder weniger nicht so sehr ankommt.

Die Göttelfinger Spieltraktur besitzt alle Tugenden heutiger Erfordernisse in Material und Ausführung.

Sie besteht durchweg aus feinsten Hart- und Leichthölzern mit Wellenlagern aus Polymer und besonders klimasicheren Abstrakten aus Karbon. Die 147 Tonventile der Zwillingslade des Manuals und der Extensionslade des Pedals wurden so direkt wie möglich angesteuert und über Trakturbegleiter und flexible Winkelbalken abgespannt.

Facettenreich und plastisch
Das Klangprofil der minimalistischen Disposition folgt keinem dogmatisierten Klangideal historischer Provenienz. Es möchte einfach schön klingen und möglichst vielschichtig, mischfähig und charaktervoll sein, damit aus einem kleinen Registerfundus ein musikalisch möglichst großer Rahmen darstellbar wird. Jeder Orgelspieler, Orgelbauer oder Orgelfreund kennt ein altes Barockörgelchen, dessen tragender, beseelter und doch frischer Klang zu fesseln vermag und intensiv nachwirkt. Das war unser Bestreben. Doch ein Patentrezept für Wohlklang existiert nicht. Natürlich gibt es verlässliche Grundlagen wie z.B. ausgetüftelte Mensuren, atmungsfähigen Wind und eine halbwegs günstige Raumakustik. Sie bilden ein solides Gerüst für einen facettenreichen, plastischen Klangkörper. Aber es braucht auch einen besonders talentierten Intonateur und die Erkenntnis, dass die nachhaltige Gestaltung von Orgelklang seit Jahrhunderten unverändert geprägt wird von handwerklichem Können, künstlerischem Anspruch, Fleiß und Zeit. Nicht zu vergessen sind die funktionalen Umgebungsfaktoren, die zur Vertiefung von Tonbildung und Klangästhetik beitragen. Hier geht es um Antworten auf die Frage, welchen Einfluss die Gehäuseform auf die Klangausbreitung ausübt, wie sich das Gehäusevolumen auswirkt, bei welcher Registerabfolge auf der Windlade die Klangdurchmischung begünstigt wird, oder unter welchen Voraussetzungen die Stimmhaltung gesteigert werden kann. Wie so oft sind es letztendlich viele Dinge im Kleinen, die es zu beachten gilt, um in ihrer Summe das Gewöhnliche zum Ungewöhnlichen zu erheben. Zur Verdeutlichung der überraschenden Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit des „einmanualigen“ Klangmaterials, kann ich eine kleine Auswahl an Registrierungen empfehlen:

Manual I Manual II Pedal Koppeln
Sesquialter – Solo: Sesquialter Salicional 8’ 16’ II-I
Rohrflöte 4’ 8’
Kleines Plenum mit Zungeneffekt: Salicional 8’ Gedeckt 8’ 16’
Principale 4’, 2’,1’ Rohrflöte 4’ 8’ I-P, II-P
Quintaden –Solo: Rohrflöte 4’ Salicional 8’ 16’ II-I, II-P
Flöten-Solo: Salicional 8’ Rohrflöte 4’ 16’ I-P

Claudius Winterhalter