Glückstadt - Stadtkirche, Instrumente

Die Orgel der Stadtkirche Glückstadt

[soliloquy id=“3620″]

Disposition

I. Hauptwerk
Bourdon 16′
Principal 8′
Flaut travers 8′
Viola di Gamba 8′
Gedeckt 8′
Quintadena 8′
Octave 4′
Rohrflöte 4′
Superoctave 2′
Mixtur IV-V minor 1 1/3′
Mixtur V-VII major 1 1/3′
Trompete 8′
II. Schwellwerk
Principal 8′
Rohrflöte 8′
Salicional 8′
Bifaria 8′
Fugara 4′
Spitzflöte 4′
Nasard 2 2/3′
Flageolet 2′
Terzflöte 1 3/5′
Quinte 1 1/3′
Oboe 8′
Tremulant
* Transmission HW/PED
Pedal
Principalbass 16′
Subbass* 16′
Octavbass 8′
Bassflöte* 8′
Bassoctave* 4′
Posaune 16′
Trompete* 8′


Koppeln

II-I I/P II/P Sub II/I Super II/P
Trakturen
Tontraktur mechanisch
Registertraktur elektrisch
Setzeranlage/USB-Schnittstelle

Winddruck

MW 72 mm Ws PW 90 mm Ws
Progressives System mit drei Faltenbälgen und differenzierten Winddrücken

Tonumfang

Manual C – g’’’ Pedal C – f’

Stimmung

Billeter 440 Hz bei 16° C

Frei von Dogmen und
Beliebigkeit

Es war 1994, als der Unterzeichner dieses Berichtes mit der Orgelbauwerkstatt Winterhalter anlässlich einer CD-Aufnahme in der Evang. Stadtkirche von Böblingen Bekanntschaft machte. Schon damals wurde deutlich, was für überragende Instrumente aus dem kleinen Schwarzwaldort Oberharmersbach kommen. So ist es eine großartige Nachricht, dass inzwischen mehrere Winterhalter-Orgeln die hamburgische und norddeutsche Orgellandschaft bereichern. Gebeten um einen Bericht über das Instrument in der Evang. Luth. Stadtkirche zu Glückstadt, machte man sich von Hamburg aus hinaus in den Nordwesten der Metropol-Region. Glückstadt heißt für den Halbgebildeten „Matjes-Tage“ und „Fahrrad fahren“. Und mit der wichtigen Elbfähre Wischhafen zwar nicht am Tor zur Welt, sondern am Tor zu Niedersachsen zu stehen.
Dies sind einige Schwerpunkte der offiziellen Webseite der Stadt. Und nun steht hier eine der besten neuen Orgeln der Region und es bleibt zu hoffen, dass diese Orgel zunehmend dort eine angemessene Würdigung erfährt.

Kirche
Aber der Reihe nach: Wenn man sich durch die ländliche – Anfang Dezember verregnete – Idylle bis zum Marktplatz der Stadt durchgeschlagen hat, ist man verzückt von der Anmut dieses Platzes und lernt manches über die Stadtgründung 1617 durch König Christian IV. von Dänemark und über den Bau der Stadtkirche im Jahre 1618.
Keineswegs steht sie wie ein Dom alles beherrschend in der Mitte des Markplatzes, sondern gibt sich auf den ersten Blick eher bescheiden, diagonal am Rand des Platzes errichtet. Der beherrschende Turmsockel wird von einem markanten Haubenhelm gekrönt. Die wahre Größe des Kirchenschiffes erschließt sich erst bei näherem Hinsehen, die Kreuzform des Grundrisses wurde nicht vollendet, sondern auf der Südseite als halbes Querschiff erbaut. Diese nun entstandene asymmetrische Form macht den Bau, der im Inneren durch seine einheitliche und hochwertige Ausstattung geschlossen und stimmig wirkt, besonders originell.

Im Zusammenspiel heller Pastelltöne mit dunklen Grautönen, altem Messing und einem Bilderzyklus mit über 100 Farbtafeln befinden wir uns in einem ehrwürdigen und edlen Raum, der auch Geborgenheit vermittelt.

Prospekt
Was mag den Besucher beim Betreten der Kirche für ein Orgelprospekt erwarten? Die Rekonstruktion eines Schnitger-Prospektes? Immerhin sind wir im „Schnitger-Land“. Jedenfalls war Arp Schnitger in Glückstadt, als er als ehemaliger Geselle von Berend Hueß nach dessen Tod die Orgel betreute und erweiterte. Weitere Orgelbauer waren naturgemäß am Werk, als schließlich 1881 die Orgelromantik mit einem Instrument des hochbedeutenden Orgelbauers Schlag & Söhne aus Schweidnitz / Schlesien in Glückstadt Einzug hielt. Bis 1962 wurde diese Orgel irgendwie am Leben gehalten, jedoch verkannt und ersetzt durch ein „modernes“ Werk aus dem Hause Kemper. Wäre nun die Rekonstruktion des Orgelprospektes von 1881 sinnvoll gewesen? Die Entscheidung fiel anders aus, da die neue Orgel aus dem Hause Winterhalter sich weder am Schnitger- Klang noch an jenem von 1881 definiert. Dennoch ermöglicht sie eine angemessene Darstellung der Musik des 17. / 18. und des späten 19. Jahrhunderts. Somit vermittelt der neue Prospekt die Prinzipien der klassisch barocken Formensprache ebenso, wie seine fließenden Formen und gerundeten Gehäusekanten auf die Möglichkeiten der Orgel hinweisen: Fließende und flexible musikalische Übergänge. Hier ist ein Orgelprospekt gelungen, der sich unaufdringlich
in den Raum einfügt, aber dennoch selbstbewusst die Musik in ihrer Vielfalt repräsentiert und bei allen klassischen Bezügen die Zeitgenossenschaft nicht verleugnet.

Klang
Unten im Kirchenschiff konnte man beim Besuch zuerst Bekanntschaft machen mit einer vorzüglich deutlichen, aber nicht harten Akustik, wie sie sonst in der Region gelegentlich vorkommt. So war schon das erste Hören des Prinzipal 8‘ ein Erlebnis:

Ein weicher, aber klar konturierter Gesang mit fokussiertem Kern der Töne, der sofort auf die kantablen Möglichkeiten der Orgel schließen ließ.

Überhaupt zeigt sich in der Verschmelzung aller Register im 8‘ und 4‘ Bereich als eine der besonderen Stärken der Orgel. Da werden klangliche Übergänge ermöglicht, die für ein Instrument dieser Größe außergewöhnlich sind, unterstützt von einigen speziellen Entscheidungen, die aber gerade zur Darstellung deutscher Romantik ihre Berechtigung haben. Zum Beispiel für Brahms-Choralvorspiele oder kleinformatige Stücke von Max Reger. So ist die Quintadena 8‘ im Hauptwerk eine willkommene Bereicherung der 8‘ Lage und kann durchaus das Fehlen einer Quinte 2 2/3 kompensieren, eine Gamba 8‘ anstelle einer Trompette harmonique erhärtet die stilistische Herkunft – schon Bach disponierte dieses Register – und ein französischer Aspekt wird für den eher intimen Raum völlig ausreichend durch die Oboe mit durchgängig parallelen Kehlen übernommen.
So erleben wir eine klassisch angelegte und an barocken mitteldeutschen Vorbildern wie Silbermann und Trost orientierte Orgel mit einer ungleich schwebenden Stimmung nach Billeter. Eine Orgel, die im Sinne einer eigenen zeitgenössischen Ästhetik klangliche Vielseitigkeit und stilistische Breite anstrebt. So führen ein Schweller, die Subkoppel II, die 4‘ Koppel im Pedal sowie eine moderne Setzeranlage zu enormen Möglichkeiten mit großer dynamischer Bandbreite, vor allem gemessen an der Registeranzahl von gerade einmal 25 Stimmen und einer Handvoll Transmissionen! Mit dem Griff zur Superoktave 2‘ und zur Mixtur erleben wir dann eine aus Mitteldeutschland bekannte Prägnanz, unabdingbar nötig, um bei gut besetzter Kirche ein kraftvolles Plenum zu erlangen, bei Bedarf ergänzt durch die mitteldeutsch-barocke Trompete mit ihrem milden, obertonreichen Klang, die wunderbar in der Romantik auch ohne Mixtur verwendbar ist.
Eine Terzschleife zur Mixtur wie bei Trost in Altenburg ergibt ein reichhaltiges Mixturenplenum auf 16‘ - Basis. Und schon haben wir einen festlichen Barock-Klang, getragen von einer Silbermann nachempfundenen Posaune 16‘ mit belederter Kehle, die quasi mitwächst, also ihre Qualitäten nicht erst
im Tutti entfaltet.

Technik und Traktur

Das Innere der Orgel ist ein Muster an Aufgeräumtheit und Zugänglichkeit, was mit Sicherheit auch die Klangabstrahlung perfektioniert.

Einmal mehr wird deutlich wie eng und wichtig die Zusammenhänge sind zwischen technischer Konzeption und angemessenem Gehäusevolumen. Dazu eine atmende Windversorgung aus einfaltigen Bälgen mit eichenen Kanälen, nicht zu eng und weich gekröpft. Die Bemühungen bei der Intonation um charakteristische Solofarben und um eine facettenreiche Mischfähigkeit bei der klanglichen Addition der Grundstimmen, haben hier erstaunliche Früchte getragen.
Das direkte Spielgefühl ist angenehm und artikulationsfreudig. Die Traktur arbeitet leichtgängig und griffig. Der optische Ein­druck der Spielanlage ist überragend. In allen Teilen wird sowohl die Materialität als auch die Ausführung betreffend, eine feine Ästhetik sichtbar.

Fazit
Glückstadt beherbergt nun eine bedeutende Orgel. Claudius Winterhalter zeigt, wie man heutzutage eine Orgel baut, die historische Vorbilder nicht verleugnet. Sein souveräner Umgang mit den Traditionen des Orgelbaus der letzten drei Jahrhunderte ist völlig frei von Dogmen und Beliebigkeit. Mit der Winterhalter-Orgel in Glückstadt kann man den Begriff der „Universalorgel“ endlich einmal positiv besetzen, was gemessen an der eher bescheidenen Registerzahl ohne Anflüge von Größenwahn eine echte Meisterleistung ist. Und dies alles ist verbunden mit feiner Handwerkskunst, einer stimmigen Intonation und einem untrüglichen Gefühl für die Einheit von Raum und Klang. Ganz einfach: Diese Orgel hat Charakter.

Christoph Schoener