Eisenbach - St. Benedikt, Instrumente

St. Benedikt Eisenbach

Disposition

I/HAUPTWERK
PRINCIPAL 8’
HOHLFLÖTE 8’
OCTAVE 4’
ROHRFLÖTE 4’
SESQUIALTER II 2 2/3’
QUINT MAJOR** 2 2/3’
SUPEROCTAVE 2’
MIXTUR IV-V 1 1/3’
QUINT MINOR** 1 1/3’
TROMPETE 8’
II/NEBENWERK
GEDECKT 8’
SALICIONAL 8’
FUGARA 4’
ROHRFLÖTE* 4’
SESQUIALTER II* 2 2/3’
FLAGEOLET 2’
SUPEROCTAVE* 2’
TROMPETE* 8’
PEDALWERK
SUBBASS 16’
OCTAVBASS 8’
BASSOCTAVE 4’
FAGOTTBASS 16’
*WECHSELSCHLEIFE
** VORAUSZUG
TREMULANT
CHORALFORTE AN/AB
KOPPELN
II-I, SUB II-I, I-P, II-P
TRAKTUREN
MECHANISCHE TONTRAKTUR
MECHANISCHE REGISTERTRAKTUR
WINDDRÜCKE
MANUALWERKE 77 MM WS
PEDALWERK 90 MM WS
TONUMFANG
MANUAL C – G’’’
PEDAL C – F’
STIMMUNG
BILLETER 440 HZ/16°
SACHBERATUNG
JOHANNES GÖTZ

Hören und Sehen

Die kleine Gemeinde Eisenbach im südlichen Hochschwarzwald erlebte um 1900 ihren ersten wirtschaftlichen Aufschwung. Aus Tüftlern wurden Hochtechnologie-Spezialisten: Heute ist der Ort durch eine Reihe weltweit tätiger Firmen im Bereich Elektronik / Feinmechanik bekannt. Trotz mancher Rückschläge scheint es hier Tradition zu sein, dass die Bewohner zusammenhalten und nach vorne schauen. Nur so gelingt ein Gemeinwesen, das auch auf kulturelle Akzente wie etwa einen Dorfschreiber und eine Autorenstiftung setzt.
Wer das propere Kirchlein hoch über den Dächern im strahlenden Herbstlicht inmitten einer herrlichen Weide- und Waldlandschaft liegen sieht, ahnt nicht, wie zäh um seine Errichtung und Ausstattung gerungen wurde. Nach ersten Bemühungen 1908 um eine eigene Kirche hemmten der Erste Weltkrieg und die Inflation alle Anstrengungen, sodass der Bau erst 1935 konsekriert werden konnte. Die Eisenbacher hatten erreicht, dass das Projekt als „Notmaßnahme“ von der staatlichen Arbeitsverwaltung anerkannt wurde und deshalb örtliche Arbeitslose angestellt werden durften. Mühsam wurde nach und nach die Ausstattung erworben: etwa ein provisorischer Altar für 60 RM oder eine Monstranz für 900 RM (!). Die von der Freiburger Firma Welte angebotene Orgel für 7100 RM (ohne Gehäuse) war ebenso unerschwinglich wie das „Organetto“ (wohl ein Automat wie in der nahen Bärenhofkapelle) der Waldkircher Firma Ruth & Sohn. 1938 wurde ein Harmonium angeschafft. Nur wenige Jahre konnten sich die Eisenbacher am 1937 geweihten Geläute erfreuen, bevor drei der vier Glocken in den ersten Kriegsjahren abgegeben werden mussten.
Bereits 1948 lieferte die Firma Schwarz aus Überlingen die erste Orgel; Holz und Metall musste die Gemeinde zur Verfügung stellen. Bis 1962 wurde der Wind für dieses Instrument noch per Fuß gepumpt.
1974 wurde die Kirche gemäß der Liturgie-reform neu gestaltet: Der Aufbau des Hochaltares verschwand und wurde zugunsten eines Zelebrationsaltars entfernt. Im Chor verblieb der in weißlichem Holzton patinierte Benedikt-Fries aus der Werkstatt Marmon. Im Übrigen wurde der Raum den damaligen Vorstellungen entsprechend schlicht gehalten; die Verglasung in vorwiegend grau-blauen Pastelltönen, der mattrote Klinkerboden und die dunkle Holzdecke bewirkten gedämpfte Lichtverhältnisse ohne farbliche Note. Die Orgel wurde durch Freiburger Orgelbau 
August Späth so gut es ging instand gehalten. Nach 62 Jahren konnte das aus dürftigen Materialien zusammengebaute Werk dann endlich „suspendiert“ werden.

Das steile Schwarzwalddach der Kirche birgt bei bescheidenen Ausmaßen komplexe architektonische Elemente wie eine dreiteilige Portalfassade und angedeutete Seitenschiffe ohne Stützpfeiler. Über den Mittelgang spannt sich ein lichtloser, flach gedeckter Schein-Obergaden. Die Dachkonstruktion liegt auf den Außenmauern auf, sodass in der Zentralachse Querbinder zur Lastenverteilung nötig wurden. „Jeder Entwurf eines traditionellen Orgelgehäuses mit seinen senkrechten Holzelementen würde von diesen Balken buchstäblich durchkreuzt, geradezu annulliert“, skizzierte Claudius Winterhalter die Ausgangssituation.

Winterhalter: „Der kleinteiligen Innenarchitektur an der Kirchenrückwand mit ihren Rechteckelementen durfte nicht noch eine, wie auch immer geartete Kastenform zugemutet werden. Eine solche Gestaltungslösung hätte leicht die Wirkung eines aufgespießten Orgelmöbels im Guckkasten erzeugt.

Ich wollte der formalen Starrheit des Rückraumes etwas Bewegtes entgegenstellen.

Beim Gedanken an die Querbalken vor dem zukünftigen Orgelprospekt hatte ich die Assoziation einer Null-Achse in einer Sinus-Kurve. Daraus entstand die Idee des Orgelbildes, dessen Pfeifenverlauf eine Amplitude nachahmt. Dieses ,Schwingungsbild‘ hängt vor einer schalloffenen Blendwand, deren wellenartige Linienführung auf das Strömen des Orgelklangs hindeutet.“

Die selbsttragende Blendwand besteht in ihrer Unterkonstruktion aus verstrebtem Vierkantholz mit übereinander angeordneten, bewegten Flächen aus MDF-Platten. Die Zwischenräume sind rückseitig mit einem blickdichten Drahtgewebe aus Edelstahl bespannt. Die geschwungenen Holzelemente erhielten einen matten Dispersionsanstrich, während das in Rollen gelieferte Drahtgewebe mit einer Einbrennlackierung ausgestattet werden musste. Der „Pfeifenstock“ unter den Prospektpfeifen und die Spielanlage wurden mit einem mehrschichtigen Lackaufbau behandelt.
Das Orgelwerk selbst steht (wegen der Querbalken) etwa ein Meter hinter der Prospekt-Fassade: seitlich die Pedalregister, mittig die durchschobene Windlade für die Manualwerke, jeweils in C- und Cis-Teilung.
Sowohl die Holzdecke als auch die an den Wänden verbauten Dämmplatten schaffen selbst im unbesetzten Raum eine ungewöhnlich trockene Akustik. So musste die neue Orgel nicht nur kräftig konzipiert, sondern auch in allen Höhenlagen und Klangfarben differenziert ausgestaltet werden, um eine möglichst organische Schallentwicklung zu erreichen. „Obwohl wir wie immer Probetöne im Originalraum anfertigten, trauten wir anfangs unseren Ohren nicht: Wir hatten alles in der Werkstatt so wunderbar vorintoniert. Als wir dann die Pfeifen in der Kirche einbauten, wurde der Klang geradezu aufgefressen. Also mussten wir mit viel Aufwand nachintonieren. Das hat weniger mit Kunst, als vielmehr mit Ausdauer, ja mit Zähigkeit zu tun. Insofern fühlen wir uns mit den Eisenbachern sehr verbunden im Ringen um die beste Lösung.“ (Intonateur Alois Schwingshandl).

Doch es hat sich gelohnt. Entstanden ist ein Klangbild, das bei leerer Kirche besonders im Principal-Plenum an die Helligkeit norddeutscher Orgeln denken lässt. Wärme, Farbigkeit und Eleganz bringen die Flöten- und Streicherstimmen. Dennoch fehlt es nicht an Gravität, um auch den vollen Kirchenraum mit rund 250 Sitzplätzen zu meistern. Besonders gelungen ist der nicht einmal auf der Empore wahrnehmbare Übergang vom den Prospektpfeifen ins Orgelinnere.
Nach sorgfältigen Proben hat OBM Claudius Winterhalter die Farbscala der neuen Orgel-anlage von Kieselgrau zu Apricotbeige herausgefiltert. Sie geben dem Instrument und seiner Umgebung auch bei diffusem Tageslicht eine klare Struktur und elegante Leichtigkeit. Die fein glänzende Oberfläche der Spielanlage sorgt dabei für angenehme Haptik und milde Brillanz, die vor dem dezenten Hintergrund des Gitterwerks eine grazile Plastizität entwickelt.

Auf Anraten des Orgelbauers sollte gerade in Eisenbach auf die Balance zwischen Altarraum und Orgelempore besonderer Wert gelegt werden.

Keinesfalls darf die kontemporäre Orgelgestaltung das Raumgewicht nach hinten verlagern.

So wurde schon von Beginn an besonders über eine Aufwertung des in ergrautem Weiß gehaltenen Altarbereichs diskutiert. Sowohl technisch als auch finanziell am leichtesten ist dies mit Farbe zu erreichen. Ein erster Anhaltspunkt für eine farbliche Umgestaltung bot der aus der Stegererschen Kapelle übernommene barocke Ulrichs-Altar von Mathias Faller, der vom Haupteingang aus sichtbar in einer Seitenkapelle steht. Ein weiterer Akzent kam aus den Buntglasfenstern und dem Klinkerboden. Aus diesen nicht veränderbaren Bestandteilen des Raumes wurde von Claudius Winterhalter jenes für einen Sakralraum passende Amethyst-Blau ermittelt, das die große und kleine Altarwand nun schmückt und die Fensternischen umrandet. Die ehemals sperrholzgelben Kirchenbänke bekamen einen dunklen, ins Graugrüne gehenden Lasur-Anstrich. Die Innenwände des Raumes wurden neu geweißt. Dadurch gelang nicht nur eine wertgebende Neugestaltung des Kirchenraumes, sondern darüber hinaus die anfangs kaum für möglich gehaltene Realisierung eines harmonischen Ensembles aus Bestandteilen verschiedener Epochen.

Bei ganzen 16 Registern ist die Auswahl der Klangfarben eher gering – könnte man denken. Doch die versierten Orgelbauer aus Oberharmersbach sind nicht um ausgebuffte Kniffe verlegen:

Mittels Wechselschleifen, Vorabzügen, einer zusätzliche Subkoppel II/I sowie differenzierten Mensuren der Register lässt sich aus dem quantitativ bescheidenen Fundus allerhand Unerhörtes zaubern.

So kann etwa das Plenum vielfach abgestuft werden: mit Quinte 2 2/3’ oder 1 1/3’ als Vorplenum. Das große Plenum mit der Mixtur lässt sich durch die Terz im Sesquialter steigern. Das Maximum bietet schließlich eine strahlende, dabei mischfähige 8’-Trompete. Über die Subkoppel und die Wechselschleife kann sie – wie die andern 8’-Register des II. Manuals – in der 16’-Lage gespielt werden, so dass ein veritables Grand Chœur etwa für französisch-romantische Musik entsteht. Ungewöhnlich ist auch, dass die Trompete als Solo neben dem Prinzipalchor verfügbar ist. Ähnliches gilt für das zusammengesetzte Cornet, da Rohrflöte 4’, Superoctave 2’ und Sesquialter ebenfalls wahlweise vom I. und II. Manual aus angespielt werden können. Erwähnenswert ist die Hohlflöte, die im Bass als Gemshorn (streichend), im Diskant aber als tragende weite Flöte (Nachthorn) mensuriert ist. Linke und rechte Hand spielen somit quasi zwei verschiedene Stimmen an, woraus sich ein apartes Solo ergibt. Zudem bietet sie über die Pedalkoppel ein leise zeichnendes Bassregister.

Im II. Manual findet man nur vier selbständige Register vor, die aber haben es in sich. Das Salicional, oft recht unscheinbar, hat hier eher den Charakter einer Gambe und bildet gemeinsam mit Gedackt 8’ mühelos einen Geigenprincipal, der sonst erst in größeren Orgeln vorkommt und das Nebenwerk erheblich aufwertet. Es verdient daher die Namensschöpfung „Gambizional“. Hierzu passt die fein zeichnende Fugara 4’, womit – ebenfalls bei dieser Orgelgröße selten – auch in der 4’-Lage neben Principal und Flöte ein Streicherregister vorhanden ist. Es kann musikalisch sehr vielseitig – als Solist oder Ensemblestimme, ggf. in Tieflage (via Subkoppel) – eingesetzt werden. Auch die 2’-Lage ist in Principal- und Flötenbauweise vertreten, was ebenfalls keine Selbstverständlichkeit ist bei gerade mal einem Dutzend Manualregistern.

Im Pedal gibt es neben einer soliden „Grundausstattung“, deren 8’- und 4’-Lage wiederum solistische Qualitäten zeigt, einen Fagottbass. Auch er ist dank seines Volumens als kräftige Bassstimme, oder aber wegen seiner erstaunlichen Wendigkeit auch als cantus firmus einsetzbar. Gemeinsam mit den koppelbaren Registern aus den Manualen ergeben sich allein in der 8’-Lage im Pedal sechs charakteristische Einzelstimmen, zuzüglich aller Kombinationen! Die logische und sinnvolle Anordnung der Registerzüge in musikalisch zusammengehörenden Gruppen erleichtert den Registerwechsel zusätzlich.

Hervorzuheben an diesem Orgelprojekt ist die außerordentlich gute Zusammenarbeit sowohl mit den Verantwortlichen vor Ort als auch mit den Vertretern des Erzbischöflichen Bauamts Freiburg. Die umtriebigen Eisenbacher haben es wieder einmal geschafft: Mit ihrer neuen Orgel haben sie etwas ganz Besonderes auf die Beine gestellt und eine Investition in die Zukunft gewagt, die den kulturellen Ambitionen des Schwarzwälder „Silicon Valley“ gut zu Gesicht und zu Gehör steht. Für die Liturgie in der St.-Benedikt-Kirche, für Konzerte und nicht zuletzt für die Organistenausbildung wurde ein richtungweisendes Instrument geschaffen. Und das in einer Zeit, in der es engagierte, kleine Kirchengemeinden nicht eben leicht haben!

Markus Zimmermann